Vorteil CVP für den zusätzlichen Sitz im Kanton Aargau

Im Kanton Aargau ist die Ausgangslage für die Eidg. Wahlen 2015 klarer geworden, nachdem die Linke nun eine Listenverbindung vereinbart hat – im Gegensatz zu den letzten Wahlen. Ein Blick auf den Kanton, der einen zusätzlichen Sitz erhält.

Über das Kalkül, das die linken Parteistrategen zur Kehrtwende bewog, lässt sich spekulieren. Die fehlende Listenverbindung 2011 kostete die Linke damals keinen Sitz. Sicher ist, dass die Grünen ihren einzigen Aargauer Sitz ohne den Bisherigen Geri Müller verteidigen müssen und im Kanton Aargau ist ein zusätzlicher Sitz zu vergeben (16 statt 15).

Wie sich die übrigen Parteien positionieren werden, ist noch nicht vollends klar. Die SVP liess im Januar verlauten, dass Gespräche über eine grosse bürgerliche Listenverbindung zwischen SVP, FDP, CVP und BDP laufen würden.

Das Restmandat.ch-Modell – in Kürze hier vorgestellt – zeigt, wer sich unter den sich abzeichnenden Allianzen einen Vorteil erhoffen kann. Es sei nochmals an die Grenzen des Modells erinnert: Da es lediglich auf Daten aus der Vergangenheit beruht, namentlich den Resultaten der kantonalen Wahlen sowie den Parlamentarier-Mutationen (Bisherigenbonus), ignoriert es alles, was bis zu den Wahlen noch passieren kann: Also Skandale, Erdbeben oder andere Überraschungen. Gerade in einem grossen Kanton wie dem Aargau können aber schon kleinere Verschiebungen zu einem Sitzverlust oder Sitzgewinn führen.

Unter Berücksichtigung der neuen SP-GPS-Verbindung sowie den gleichen Verbindungen wie 2011 (siehe Bildlegende) gibt das Restmandat.ch-Modell folgende Prognose für die Wahlen 2015 ab:

Status quo plus
Vorteil CVP

20150423_AG_new_V2_wie2011_aberSP_GPS

Listenverbindungen: SP/GPS (bestätigt) – CVP/BDP (2011) – GLP/EVP (2011) – SVP/EDU (2011) — Der rote Asterisk (*) zeigt an, wie viele Sitze die jeweilige Partei bei den Wahlen 2011 erreichte. Die Balken zeigen die Wahrscheinlichkeit an, mit der die jeweilige Partei bei den Wahlen 2015 eine bestimmte Anzahl Sitze erreichen wird – nach Modell.

Favorit auf den zusätzlichen Sitz ist die CVP (82% Chance auf mindestens einen Sitzgewinn), die damit einen der zwei Sitze zurückerobern könnte, den sie bei den letzten Wahlen verlor. Aussenseiterchancen können sich aber auch EVP (32%), SP (23%) und allenfalls noch die SVP (20%) ausrechnen.

Ob diese Verbindungs-Konstellationen allerdings realistisch sind, ist offen. Ich habe das Modell deshalb auch mit zwei weiteren Varianten durchgerechnet (es gäbe natürlich noch mehr).

Grosse bürgerliche Koalition: SVP, FDP, CVP, BDP

20150423_AG_new_V1_Buerg_SP_GPS

Listenverbindungen: SP/GPS (bestätigt) – SVP/FDP/CVP/BDP (hypothetisch)

Eine bürgerliche Koalition, wie sie sich die SVP wünscht, würde nichts daran ändern, dass side CVP die Nase vorne hat. Sie würde aber die Chancen der SVP auf einen oder sogar zwei Sitzgewinne erhöhen (von 20 auf 38 Prozent) und auch die FDP hätte leicht höhere Gewinnchancen.

All dies ginge auf Kosten der BDP: Ihr Sitz wäre weniger gut abgesichert. Die EVP, alleine gelassen, hätte ebenfalls weniger Chancen auf einen Sitzgewinn.

Andererseits: Die Chancen der Linken auf einen Sitzgewinn würden etwas kleiner, was ja der Zweck der bürgerlichen Allianz wäre.

Da sich die Mitte-Rechts-Parteien eher skeptisch geben zu einer Verbindung mit der SVP, ist auch vorstellbar, dass es zu einer grossen Mitte-Allianz zwischen CVP, BDP, GLP und EVP kommt. Man könnte dann auch – hypothetisch – eine Listenverbindung zwischen FDP und SVP annehmen. Das sähe dann folgendermassen aus:

Verbindung der Mitte: CVP, BDP, GLP und EVP

20150423_AG_new_V3_SPGPS_Mitte_SVPFDP

Listenverbindungen: SP/GPS (bestätigt) – CVP, BDP, GLP, EVP (hypothetisch) – SVP/FDP (hypothetisch)

Von einer grossen Mitte-Verbindung würde laut Prognose die CVP am meisten profitieren – auf Kosten der SVP. Ein Sitzgewinn für die CVP wäre sehr wahrscheinlich (93 Prozent), was aufgrund der Gesetzmässigkeiten bei Listenverbindungen – sie nützen tendenziell dem grösseren Partner – gut nachvollziehbar ist. Die Linke hätte eine ähnlich kleine Chance auf einen Sitzgewinn.

Fazit der kleinen Übung ist:

  • SP und Grüne gewinnen vermutlich keinen zusätzlichen Sitz mit dem Zusammenschluss. Möglicherweise lässt sich die Allianz aber als Absicherungsmassnahme lesen: Beide Parteien haben bei den kantonalen Wahlen in den vergangenen Jahren nicht überzeugt. Zudem gilt es Rücktritte zu kompensieren. Verliert eine Partei oder sogar beide weitere Wählerstimmen, lässt sich in der Verbindung ein Sitzverlust leichter abwenden. Die Aussicht auf einen zusätzlichen Sitz für die Linke ist jedoch schlecht.
  • Die CVP ist in der Pole-Position für den zusätzlichen Sitz, und zwar komfortabel. Das Niveau von 2007 (drei Sitze) erreicht sie aber kaum.
  • Für die übrigen Verbindungen ist eine Aussage schwierig. Klar ist, dass die kleineren Parteien, egal in welcher Verbindung, vor allem den grösseren Parteien zuarbeiten würden.
  • Und: Der BDP sei von einer Verbindung mit der SVP abgeraten.

Freunde des bewegten Bildes finden die drei Szenarien unten in einer Animation:

20150423_AG