Warum die EDU gute Chancen auf eine Rückkehr in den Nationalrat hat

Im Kanton Bern holt die EDU mit 87-prozentiger Wahrscheinlichkeit wieder einen Nationalratssitz. Das sagt jedenfalls unser Prognosemodell. Kehrt die EDU auf die nationale Politikbühne zurück? Für die Berner Parteien könnte das erhebliche Konsequenzen haben.

Nach vier Jahren Abwesenheit stehen für die Eidgenössisch-demokratische Union (EDU) die Chancen gut, dass sie in den Nationalrat zurückkehrt. So sieht es das Prognosemodell von restmandat.ch. Demnach holt sich die freikirlich-christlich geprägte Kleinpartei im Kanton Bern mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 87 Prozent einen Sitz:

20150811132810_BEb

Stand der Prognose: 11. August 2015. Listenverbindungen (offiziell): EDU/SD, SVP/Alpenparl., BDP/CVP/EVP/GLP, SP/GPS/PdA

Hier geht’s zur gesamten Wahlprognose

Der Grund dafür liegt in einem bislang wenig beachteten Entscheid: Die EDU wird erstmals seit 1983 in einer Listenverbindung mit den Schweizer Demokraten (SD) in die Wahlen ziehen. Die Verbindung war im Mai bekannt geworden, mittlerweile ist sie auch offiziell bestätigt.

In Bern sind bei 25 Sitzen im Herbst 3,85 Prozent Wähleranteil notwendig, um ein Vollmandat zu erreichen. Dass die EDU in der Listenverbindung mit der SD gute Chancen auf einen Sitzgewinn hat, illustrieren alleine schon die Ergebnisse bei den letzten Wahlen:

EDU_Kt_BE

Alle Angaben in Prozent

Nimmt man die Wähleranteile in den Kantonswahlen 2014 und bei den letzten Nationalratswahlen als Massstab, steht ein Vollmandat in Griffweite. Reicht es nicht für ein Vollmandat, ist ein Restmandat zumindest wahrscheinlich.

Prognose leicht zu hoch

Die EDU-Prognose ist ein wenig zu relativieren: Die Wahrscheinlichkeit von 87 Prozent für den Sitzgewinn könnte aus methodischen Gründen zu hoch geschätzt sein. Die Spannweite der Unsicherheit beträgt bei der EDU umgerechnet rund plus/minus 0,4 Prozent Wähleranteil, bei der SD sogar ein ganzes Prozent. Das ist viel. Bei der Simulation werden Werte in dieser Grössenordnung hinzu- oder weggezählt. (Mehr zur Methode hier.) Damit wird die EDU/SD-Listenverbindung in relativ vielen Fällen aufgrund der statistischen Unsicherheit über die Vollmandat-Schwelle hinauskatapultiert. Der Sitzgewinn sieht damit tendenziell zu sicher aus.

Nicht zu vergessen ist nämlich, dass EDU und SD bei beiden letzten Wahlen Anteile verloren haben. Die SD ist nur noch in ganz wenigen Gebieten aktiv; national hat sie seit längerem keinen Präsidenten mehr. Diese Ausgangslage macht die Parteien für die Nationalratswahlen zu Wundertüten.

Die EDU/SD-Listenverbindung ist in Bern zwar nah am Schwellenwert, ob sie ihn wirklich erreicht, muss sich aber noch zeigen.

Verlieren zwei Parteien einen Sitz?

Dennoch: Sollte sich die Prognose als richtig erweisen, kommt es in Bern zu einem bislang wenig diskutierten Szenario: Bekanntlich verliert der Kanton wegen der Bevölkerungsentwicklung 2015 gegenüber den Wahlen 2011 einen Sitz im Nationalrat – neu sind es noch 25 Mandate. Welche Partei diesen Sitzverlust hinnehmen muss, war bislang eine der am heissesten diskutierten Fragen.

Mit dem möglichen Sitzgewinn der EDU ist es aber gut möglich, dass gleich zwei Parteien einen Sitz verlieren könnten – eine wegen des bevölkerungsbedingten Mandatsverlust, die andere wegen der geschickten Verbindungsstrategie der Aussenrechtsparteien.

Das Modell kürt für den Verlust keinen klaren “Favoriten”: Die Grünen oder die SP stehen im Vordergrund. Wegen der Listenverbindung der beiden linken Parteien ist es schwierig abzuschätzen, ob es allenfalls sogar beide treffen könnte.

Aber auch die SVP, die Grünliberalen oder die BDP können sich keineswegs sicher fühlen. Dass die Berner CVP in den Nationalrat zurückkehrt, ist angesichts der Aussicht eines EDU-Erfolgs noch unwahrscheinlicher. Die FDP kann sich relativ sicher fühlen – sofern die Kasachstan-Affäre um FDP-Nationalrätin Christa Markwalder nicht unerwartet heftig nachwirkt.

Zürcher Sitz auch möglich

Auf einen Sitzgewinn hoffen, kann die EDU übrigens auch in Zürich, wo der zusätzliche Sitz für den Kanton die Hürde für den Einzug in den Nationalrat nochmals senkt. Hier liegen die Chancen der EDU im Vergleich zu Bern allerdings tiefer, bei ungefähr 60 Prozent. Es gelten jedoch die gleichen Einwände wie für Bern und in Zürich sind auch die Listenverbindungen noch nicht offiziell. Die Prognose könnte sich also noch ändern.