Kanton Luzern: Historische Listenverbindungen führen zu offenem Rennen

Im Kanton Luzern spielt sich Historisches ab: Bei den Listenverbindungen für die Wahlen 2015 kommt es gleich zu zwei Allianzen mit Seltenheitswert. Das Zusammengehen unüblicher Partner sorgt dafür, dass das Rennen um die zehn Nationalratssitze offen ist. Eine Kurzanalyse.

In den vergangenen Tagen haben die Parteien auch in Luzern, als einem der letzten grösseren Kantone, das Geheimnis um ihre Listenverbindungen für die Nationalratswahlen im kommenden Herbst gelüftet. Es bahnen sich ungewohnte Allianzen an: Die GLP schliesst sich der rot-grünen Listenverbindung von SP und Grünen an. In einer grossen Koalition wollen zudem CVP und FDP miteinander eine Listenverbindung eingehen, der sich auch BDP und EVP anschliessen sollen.

Dass FDP und CVP ihre Listen verbinden, hat schweizweit Seltenheitswert. Im Kanton Luzern ist es eine Premiere: Seit 1971, das früheste Jahr mit verfügbaren Daten, gab es noch nie eine derartige Listenverbindung.

Die SP-GPS-GLP-Verbindung ist ebenfalls eine Ausnahme: Bei den Wahlen 2011 gab es diesen Zusammenschluss in Graubünden. In Luzern entschloss sich die GLP dazu, um ihren einzigen Sitz zu retten.* Rot-grün macht mit dem erklärten Ziel mit, einen absehbaren Sitzgewinn der SVP zu verhindern.

SVP als Verliererin

Die Simulation mit dem Prognosemodell von restmandat.ch, das sich auf Trends aus den Kantonswahlen und Faktoren wie dem Bisherigenbonus stützt (mehr dazu im ausführlichen Methodik-Artikel), ergibt für diese Konstellation folgende Wahrscheinlichkeiten für die Sitzverteilung:

20150813185332_VisLU

Stand Prognose: 13. August 2015. Listenverbindungen: FDP/CVP/BDP/EVP; SP/GPS/GLP. Der rote Asterisk (*) zeigt an, wie viele Sitze die jeweilige Partei 2011 erreichte.

Zum Vergleich die Ausgangslage mit den Listenverbindungen von 2011:

20150803_Prog_LU

Nicht mehr aktuelle Prognose mit Listenverbindungen von 2011: SP/GPS, GLP/BDP/EVP

Hier geht’s zur gesamten Wahlprognose für 2015

Verliererin in der neuen Konstellation ist die SVP. Das Modell hätte ihr mit den 2011er Verbindungen beste Aussichten auf einen dritten Sitz eingeräumt, auf Kosten der GLP oder der Grünen. Daraus wird wohl nichts. Die Sozialdemokraten haben aus einer Links-Rechts-Optik richtig taktiert. Sie können allenfalls sogar einen Sitz gewinnen, am ehesten den der GLP.

Unsichere Voraussage verspricht spannenden Wahlkampf

Allerdings fällt auf, dass die Ausgangslage im Vergleich zu vielen anderen Kantonen in Luzern ausgesprochen offen ist.  Der Sitz der Grünliberalen wackelt zwar am stärksten, doch auch die Grünen müssen um ihren einzigen Sitz bangen. SVP, GLP, SP und GPS befinden sich jedoch alle in einer 60:40- oder 70:30-Situation. Bei solchen Wahrscheinlichkeiten sind Voraussagen mit grosser Unsicherheit behaftet.

Es ist gerade die Stärke eines probabilistischen Ansatzes wie jenem von restmandat.ch, solche spannungsgeladenen Rennen zu identifizieren. Das verspricht Luzern: Wer am Ende als Sieger hervorgeht, wird im Wahlkampf entschieden. Die Mobilisierung, die Inhalte werden wichtig sein und es braucht auch etwas Glück.

Nur FDP und CVP dürfen beruhigt in den Wahlkampf steigen. Auch wenn die CVP den zurücktretenden ehemaligen Nationalratspräsidenten Ruedi Lustenberger ersetzen muss, dürften beide Parteien ihre insgesamt fünf Sitze halten. Und dass der Zusammenschluss für den Nationalratswahlkampf auch ein gemeinsames Ticket für den Ständerat beinhaltet, erhöht auf jeden Fall auch die Chancen von FDP-Jungpolitiker Damien Müller auf den Einzug in den Ständerat.


*) Warum die GLP überhaupt in die missliche Situation kam und um ihren Sitz bangen muss, hat mit der “flächendeckenden” Listenverbindungsstrategie zwischen CVP und BDP zu tun. Hätte sich die GLP diesen beiden Parteien angeschlossen, wäre es für sie schwierig gewesen, ihren Sitz zu verteidigen, siehe dazu auch den schon älteren Beitrag “Wenn CVP, BDP und GLP sich streiten, freut sich die SVP”.

Korrektur, 14.8.2015: In einer früheren Version dieses Eintrags hiess es, die GLP sei noch nie in einer Listenverbindung mit der SP gewesen. Das stimmt nicht, wie ein Leser korrekt bemerkt hat. In Graubünden gab es 2011 bereits eine solche Verbindung.